Foto: Oliver Dietze
Casar-Werkleiter Markus Stieren setzt bei Casar-Seilen vor allem auf lange Haltbarkeit. Fotos: Oliver Dietze

Hunderte Drähte – ein Seil

Bei Casar im saarländischen Kirkel entstehen High-Tech-Seile

Es ist eines der ältesten Handwerke überhaupt. Die Geschichte der Seilerei beginnt bereits in der Frühzeit der Menschheit – erste Abbildungen von Seilen sind bereits auf 20 000 Jahre alten Höhlenbildern zu finden. Diese Seile wurden allerdings noch nicht so professionell hergestellt wie die Drahtseile, die das Casar Drahtseilwerk Saar in Kirkel verlassen. Dort entstehen High-Tech-Seile, die in der gesamten Welt zum Einsatz kommen.

Erinnerungen an die Reeperbahn

Ein Blick in die Fertigung lässt trotzdem Assoziationen an frühere Fertigungen entstehen. Zu sehr ähneln die großen Maschinen in Kirkel den Fertigungsstraßen beispielsweise an der Hamburger Reeperbahn, auf der die sogenannten Reepschläger Mitte des vorvergangenen Jahrhunderts Schiffstaue herstellten. „Die grundlegende Technik hat sich nicht sehr verändert“, sagt Markus Stieren, Werkleiter bei Casar. „Allerdings ist das Material bei uns anders.“

Tatsächlich sind es keine Hanfseile, die in Kirkel entstehen. Vielmehr sind es hochfeste Drahtseile, die tonnenschwere Lasten bewegen müssen. Wobei die Betonung in Kirkel auf „Bewegung“ liegt. „Wir bauen keine statischen Seile“, sagt Stieren, „unsere Seile sind immer in Bewegung.“ Als Beispiel nennt Stieren den Einsatz in Kranen, in Schiffshebewerken oder Transportseile im Bergbau. „Als Fachbegriff nennen wir sie „Laufende Seile“, sagt Christian Schorr-Golsong, bei Casar für das Produktmarketing zuständig.

Viele Drähte werden zum Seil

Obwohl die Herstellung von Seilen sich seit dem Altertum kaum verändert hat, ist sie doch komplex. Für ein massives Drahtseil werden erst Einzeldrähte um einen zentralen Draht geschlagen, wodurch dann eine sogenannte Litze entsteht. Anschließend werden diese Litzen wiederum in einem weiteren Produktionsschritt um eine Stahleinlage, das sogenannte Herzseil, zugeschlagen, bis letztlich ein flexibles und doch sehr tragfähiges Seil entstanden ist, in dem dann mehrere hundert Einzeldrähte verarbeitet sind.

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Die Seile aus Kirkel sind High-Tech-Produkte. Zwar ist die Fertigung traditionell, „aber unsere Seile haben eine höhere Qualität als Standardware“, sagt Stieren selbstbewusst. Die müssten sie auch haben, denn auch die Preise der im Saarland gefertigten Seile seien höher als bei anderen Anbietern. Vor allem sei es das Know-how am Standort, das Casar einen Wettbewerbsvorteil verschaffe, sagt der Werkleiter. Es sei entscheidend, wie jede einzelne Maschine für die spezifischen Anforderungen eingestellt werden müsse. „Dabei ist vor allem das Wissen unserer Mitarbeiter unschätzbar wichtig.“

Hohe Belastungen im Dauerbetrieb

Wie gut ein Seil ist, zeigt sich letztlich erst im Einsatz. Denn gerade bei bewegten Seilen im Dauerbetrieb sind die Stahlseile erheblichen Belastungen ausgesetzt. Sie müssen hohe Gewichte tragen oder ziehen, laufen immer wieder über Rollen, werden gebogen, gedreht, gedrückt. „Es ist normal, dass dabei durch die Belastung einzelne Drähte brechen, die Frage ist aber, wie viele Drähte über die Zeit versagen“, sagt Schorr-Golsong. Ist die kritische Zahl überschritten, muss das Seil getauscht werden. Und weil dann ein Kran oder im schlimmsten Fall ein ganzes Bergwerk bei einem Seiltausch Tage oder sogar Wochen still steht, ist die Haltbarkeit ein wichtiger Faktor.

Casar kann in dieser Hinsicht auf mehrere Rekorde verweisen: Im australischen Northparkes hat ein Casar-Drahtseil in einer Kupfermine über fast vier Jahre über 642.000 Zyklen gefahren und 22 Millionen Tonnen Gestein bewegt. Im slowakischen Braunkohlegebiet Prievidza hat ein Casar-Seil 2019 sogar die Lebensdauer von zehn Jahren erreicht – mit über 656.000 Zyklen und einer Fördermenge von mehr als zwölf Millionen Tonnen. Und das Seil ist weiterhin in Betrieb.

Gründung schon vor über 70 Jahren

Gegründet wurde Casar 1948 als Câblerie Sarroise, seit 2007 gehört das Unternehmen zur amerikanischen WireCo WorldGroup. Und versorgt mit seinen 324 Mitarbeitern Kunden in aller Welt. Gut 11.000 Tonnen an Seilen verlassen pro Jahr durchschnittlich die Produktion. Casar-Seile kommen bei Kranherstellern wie Tadano Demag, Liebherr oder Manitowoc zum Einsatz, sie transportieren Gestein in Minen weltweit und heben auch tonnenschwere Lasten auf Hochhaus-Baustellen in Dubai. „Hier ist eine Eigenschaft von Casar-Seilen für Krananwendungen besonders wichtig“, betont Schorr-Golsong. „Sie verdrehen sich nicht.“ Würde sich beispielsweise ein Stahlträger an einer Baustelle im dichtbebauten Stadtgebiet von Dubai zu drehen anfangen, könnte er umliegende Häuser schwer beschädigen. Ebenso wichtig ist ein weiterer Vorteil des Casar-Service: „Bevor wir ein Seil verkaufen, findet eine intensive Beratung statt“, sagt Stieren. Denn Seil ist nicht gleich Seil. „Nur wer für eine Anwendung das passende Seil hat, wird es auch über Jahre einsetzen können, deshalb ist es uns wichtig, Seile für die ganz spezifischen Kundenanforderungen zu entwickeln“, sagt Stieren.


Foto: Oliver Dietze
Aus zahlreichen einzelnen Drähten, die um einen zentralen Draht geschlagen werden, entsteht erst eine Litze, dann das fertige Seil.
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Jedes Seil muss im Laufe der Fertigung immer wieder auf die richtige Dicke überprüft werden.
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Bei Kranseilen werden am Ende des Fertigungsprozesses die Haken mit Harz fest verbunden.
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Auf der Rolle: Die fertigen Stahlseile warten auf den Abtransport.