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ME Saar aktuell

"In schlechten Zeiten gibt es nichts zu verteilen"

Martin Schlechter und Jens Colling kommentieren im Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung und dem Saarländischen Rundfunk die Forderung der IG Metall nach vier Prozent Lohnsteigerung.

Die Tarifverhandlungen zwischen den M+E-Arbeitgebern und der IG Metall haben noch nicht begonnen, doch schon sind die ersten Haltelinien abgesteckt: "2021 gibt es nichts zu verteilen", sagt ME-Saar-Hauptgeschäftsführer Martin Schlechter in einem Gespräch mit regionalen Medien. Grund dafür sind Forderungen der IG Metall, die Entgelte in der M+E-Industrie um vier Prozent zu steigern.

Die Entwicklung der Industrie gebe solche Entgeltsteigerungen aktuell nicht her, sagt Schlechter und verweist auf die wirtschaftliche Lage der Branche. Bereits 2019 ist ein Krisenjahr gewegen, die Produktion ist im vergangenen Jahr um rund fünf Prozent gesunken. Im ersten Halbjahr 2020 ist sie fast 20 Prozent gefallen - "der größte Einbruch der Produktion unserer Branche in der Nachkriegszeit", wie Schlechter sagte. Und auch wenn es im dritten Quartal wieder eine Erholung gab, sind sowohl das Niveau bei Ausbruch der Pandemie als auch das noch deutlich höhere Niveau vor der Rezession noch in weiter Ferne. Denn seit Ende 2018 - als es zum letzten Mal eine Tariferhöhung gab, sind Produktion und Aufträge nur noch gefallen.

Der Verband hofft nun auf eine bessere Entwicklung im kommenden Jahr. Allerdings wird dies auch nur dann möglich sein, wenn die Corona-Pandemie bald in den Griff zu bekommen ist. Denn auch der aktuelle Lockdown hat die Erholung schon wieder zum Stocken gebracht. In der jüngsten Umfrage unter Branchenunternehmen haben 60 Prozent angegeben, dass sie nicht einschätzen könnten, wann das Vorkrisenniveau wieder erreicht werden kann.

Vordringliches Ziel sei es jetzt nicht, Entgelte zu steigern, sondern das Überleben der Unternehmen und den Erhalt der Arbeitsplätze zu sichern, sagen Martin Schlechter und Jens Colling. Dafür benötigen die Unternehmen Liquidität, denn die Zeiten des Lockdowns haben viel Geld gekostet. "In vielen Unternehmen ist die Produktion eingebrochen, die Kosten laufen aber weitgehend weiter", sagt Schlechter. Dass die Personalkostenbasis durch Kurzarbeit entlastet werden konnte, sei zwar ein wichtiger Punkt gewesen, doch viele andere Kostenblöcke blieben unabhängig davon erhalten.

Angesichts dieser Lage sei die Forderung der IG Metall nach einem Entgeltplus von vier Prozent mehr als erstaunlich. Diese hatte im Vorfeld mit einer Trendproduktivität von einem Prozent, einer Zielinflation von zwei Prozent und einer Umverteilungskomponente von einem Prozent gesprochen, die diese Forderung begründe. Schlechter dagegen bezeichnet diesen Vorstoß als "hanebüchen". Diese Rechnung werde der Realität der Branche nicht gerecht. Schon gar nicht, wenn die Produktion zweistellig eingebrochen sei und auch die Inflation aktuell gegen Null tendiere. Im Oktober lag sie sogar bei minus 0,3 Prozent. "Der Umsatz der Unternehmen ist dramatisch eingebrochen, es fehlen Aufträge, es wird weniger produziert als im Durchschnitt - das ist keine Zeit für Entgeltforderungen", sagt Schlechter. Schon gar, da schon seit Jahren die Lohnstückkosten in Deutschland wieder ansteigen. Ein kritischer Faktor bei der Wettbewerbsfähigkeit. "Unser Ziel sollte sein, diese wieder zu senken, nicht sie noch weiter steigen zu lassen", sagt Schlechter. Wenn es 2020 in den Unternehmen nur Verluste gegeben habe, sei es ihm "schleierhaft, wo da die Verteilung herkommen soll".

Ähnlich kritisch sehen die ME-Saar-Geschäftsführer die von der IG Metall ins Spiel gebrachte Vier-Tage-Woche mit Lohnausgleich. Diese sei letztlich auch eine verkappte Verteuerung der Arbeitszeit, wenn weniger gearbeitet werden, das Entgelt aber nicht auch entsprechend gekürzt werden solle. "Wir können uns eine Vier-Tage-Woche auf einzelbetrieblicher Ebene als ein Modell durchaus vorstellen", sagte Jens Colling, verwies aber gleichzeit darauf, dass es bereits jetzt in den Tarifverträgen Möglichkeiten gibt, die Arbeitszeit bei einem gewissen Lohnverzicht zu verkürzen. Letztlich hänge die IG Metall somit den bekannten Instrumenten nur ein anderes Mäntelchen um. Außerdem, betont Schlechter, müsse es bei den Arbeitszeiten Flexibilität in beide Richtungen geben. "Das darf keine Einbahnstraße sein", sagt er. "Wenn wir die Arbeitszeit erhöhen, gibt es mehr Geld, wenn wir sie reduzieren, muss das Entgelt aber auch entsprechend angepasst werden."

Schlechter verweist für die kommenden Verhandlungen auch auf Aussagen aus Arbeitnehmerkreisen, die die Dramatik der aktuellen Situation erkannt haben. Umfragen haben gezeigt, dass den Arbeitnehmern aktuell die Sicherung ihrer Arbeitsplätze wichtiger ist als eine Entgeltsteigerung. Der ME-Saar-Hauptgeschäftsführer verweist auf die zurückliegenden Tarifverhandlungen zu Beginn der Corona-Krise: "Damals haben wir wegen der schwierigen Situation die Pausetaste gedrückt und einen Abschluss ohne eine Erhöhung der Entgelttabelle vereinbart", sagt er. Das sei der Situation angemessen gewesen. Und genau das sei ein Vorgehen, was er sich auch für die aktuelle Tarifrunde vorstellen könnte.