Presse

 
Freitag. 13. September 2019

Die Branche steckt in einer Rezession

Zusammenfassung eines Interviews der Saarbrücker Zeitung mit den Geschäftsführern von ME Saar

Die industriepolitische Unsicherheit infolge der „in Deutschland überzogen geführten“ Klimaschutz-Diskussion und die sich eintrübenden Konjunkturaussichten „machen der saarländischen Industrie derzeit schwer zu schaffen“. Diese Auffassung vertritt der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Metall- und Elektroindustrie des Landes (ME Saar), Martin Schlechter. „Die Branche steckt in einer Rezession“, sagt Schlechter, der seit Juni die Geschicke des Verbandes zusammen mit Jens Colling führt. Die Produktion sei im ersten Halbjahr um fünf Prozent gesunken, „und dieses Minus lässt sich in den verbleibenden Monaten von 2019 nicht mehr einholen“. Die Diskussion um mehr Klimaschutz und nachhaltiges Wirtschaften sei richtig, „doch die Unternehmen müssen auch wissen, wohin die Reise geht, damit sie ihr Geschäftsmodell entsprechend ausrichten und investieren können“, ist der ME-Chef überzeugt. Die Politik müsse sich fragen lassen, ob sie sich von einer sinnvollen Strategie leiten lässt oder ob sie opportunistisch gesellschaftlichen Strömungen folgt. Bei der Frage, ob das Elektroauto sich durchsetzt oder der Wasserstoffantrieb und welche Rolle der Dieselmotor in Zukunft spielt, „ist derzeit alles offen“. Das sorge für große Verunsicherung und sei für das Saarland, wo knapp 45 000 Arbeitsplätze am Auto hängen, „eine entscheidende Frage“.
„Die Unternehmen haben die Kraft, sich neu zu erfinden“, ist Schlechter überzeugt. „Sie brauchen aber auch die Zeit, in Ruhe Forschung und Entwicklung zu betreiben und deren Ergebnisse in neue Maschinen und Anlagen zu übertragen.“ Außerdem müsse dafür der finanzielle Spielraum vorhanden sein. Sollten die Unternehmen überfordert werden, „besteht die Gefahr, dass die Industrie abwandert und damit viele gut dotierte Arbeitsplätze verloren gehen“.
Da der Strukturwandel mitsamt der Digitalisierung der Arbeitswelt auch die Arbeitnehmer fordert, spricht sich Schlechter für eine konsequente, aber sehr zielgerichtete Weiterbildungsstrategie aus. Da wegen der schwierigen Konjunktur in nächster Zeit mit mehr Kurzarbeit zu rechnen ist, begrüßt Schlechter die Initiative von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), mit einen sogenannten „Arbeit-von-Morgen-Gesetz“ den Einsatz von Kurzarbeitergeld zu erleichtern und die Qualifizierung der Beschäftigten stärker zu fördern. Allerdings warnt der ME-Saar davor, „hier in Aktionismus zu verfallen und Weiterbildungsmaßnahmen einzuleiten, die bestehende Strukturen nur verfestigen“.
Er kritisiert vor allem das von der Gewerkschaft IG Metall in die Diskussion gebrachte Transformations-Kurzarbeitergeld, das Branchen zugutekommen soll, die stark vom wirtschaftlichen Wandel betroffen sein werden. Sollte sich Arbeitsminister Heil diese Vorschläge zu eigen machen, hätte das zur Folge, dass nicht nur der Betriebsrat, sondern auch die Arbeitslosenversicherung an der Umstrukturierung eines Unternehmens wesentlich beteiligt würden. „Für die Ausrichtung seiner Firma sollte allerdings einzig und allein der Unternehmer zuständig bleiben“, betont Schlechter, der auch die Vereinigung der Saarländischen Unternehmensverbände (VSU) leitet. „Er weiß am besten, welchen Weiterbildungsbedarf seine Mitarbeiter haben.“
Das starke Mitspracherecht der IG Metall ist dem Verbandschef auch bei den Tarifverträgen ein Dorn im Auge. „Die Möglichkeiten, bei Bedarf von den Vorgaben des Tarifvertrags abzuweichen, werden immer mehr erschwert“, sagt er. Zudem seien die Regelwerke inzwischen so komplex, „dass sie in der Praxis kaum mehr handhabbar sind“. Auf Dauer fördere dies die Tarifflucht „und höhlt den Flächentarifvertrag aus“. Von der saarländischen Wirtschaftspolitik fordert der Chef des Arbeitgeberverbandes. den Ausbau der Infrastruktur. Vor allem schnelle Datenleitungen „auch in den ländlichen Regionen werden dringend gebraucht“. Darüber hinaus müssten schleunigst neue Gewerbe- und Industriegebiete ausgewiesen werden, bevor die ersten Unternehmen das Land verlassen. Darüber hinaus sei ein Bürokratie-Abbau unerlässlich. Die Regelungsdichte – unter anderem beim Brandschutz – „hat zur Folge, dass Baugenehmigungen manchmal viele Monate auf Eis liegen“.

(Quelle: Saarbrücker Zeitung)